Lyrik

gesammelt und notiert:

Kein Tag ist wie alle Tage.
Eines Morgens wachst du auf,
und es ist ein Nebel da
und in dem Nebel ein Licht.
Und das Licht wächst und wächst
und ist der Morgen,
und noch nie hast du ihn so gesehen …

aus „Tobias oder das Ende der Angst“
von Luise Kaschnitz


„Adieu“, sagt der kleine Prinz.
„Adieu“, sagte der Fuchs.
„Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach:
man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen
unsichtbar.

Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast,
sie macht deine Rose so wichtig.

Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen,
aber du darfst sie nicht vergessen.
Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir
vertraut gemacht hast.

aus: „Der kleine Prinz“
von Antoine de Saint-Exupéry


Man muss ausziehen
um den Drachen zu töten
und nicht irgendwo hingehen
wo kein Drache ist.

aus einem Notizbuch
von Rudolf Steiner

Flügel möchte ich besitzen
bis zum blauen Himmel dringen,
wo die hellen Sterne blitzen;
schöner Engel, schenk mir Schwingen!
Als der Engel mich vernommen,
griff er in die Silbertruhe -;
und was habe ich bekommen ?
Gute, feste Wanderschuhe !

Hedwig Distel


Ahnung

Wem glänzte nicht
von künftigen Zielen ein Wissen
lang in der Seele voraus –
Wer brächte nicht
aus lähmenden Finsternissen
sich Helle nach Haus –

Wer sähe nicht
vor seinem prüfenden Blicke
die Wegspuren vorgebahnt –
wer fühlte nicht
mitten im Gang der Geschicke
dass er sie mitgeplant.

Erika Beltle


Trage die Sonne auf die Erde!
Du Mensch,
bist zwischen Licht und Finsternis gestellt.
Liebe die Erde,
sei ein Kämpfer des Lichts!
In einen leuchtenden Edelstein
verwandle die Pflanzen,
verwandle die Tiere,
verwandle dich selbst!

Aus dem Persischen


Frühe

O wie lieb ich der Vögel Gesang,
wenn am Morgen die Erde erwacht
und im Gange der scheidenden Nacht
sich die Knospe der Hülle entrang.
Wenn der Tau in das Wiesental fällt,
drin die Sonne sich blitzend beschaut,
und der Himmel azuren erblaut:
o wie lieb ich dich, strahlende Welt!

Erika Beltle


Hielte ich mich für das, was aus mir diese Welt macht,
dann kann ich wirklich nichts tun. Die Vernichtung der
Erdkugel werde ich dann natürlich nicht stoppen können.
Dächte ich aber daran, was ursprünglich jeder von uns ist
bzw. werden könnte
– unabhängig von der Weltlage -,
nämlich ein autonomes menschliches Wesen,
verantwortungsfähig der Welt und für die Welt,
dann kann ich selbstverständlich viel tun.

Vaclav Havel


Schau Dir Deinen Freund an!
Und vergiss, dass du weißt,
was für ein Mensch er ist!
Und vergiss, was man dir jemals
über ihn erzählt hat!
Und du wirst sehen,
wie unter deinen Blicken
seine eigentliche Gestalt
hervorkommt.
…denn wenn wir urteilen,
dann haben wir aufgehört
zu lernen!

Unbekannt


„Gib hohe Sonne,
dass ich Tag für Tag
im Steigen mich, wie du,
erneuern mag,
dass ich aus dir geflossen,
rein und frei,
ein Feuer wirkend,
selber Sonne sei!“

Isolde Kurz


Ein Miteinander zweier Menschen ist eine Unmöglichkeit …
und, wo es doch vorhanden scheint, eine Beschränkung,
eine geistige Übereinkunft, welche einen Teil oder beide Teile
ihrer vollsten Freiheit und Entwicklung beraubt.
Aber das Bewusstsein vorausgesetzt, dass auch zwischen
den nächsten Menschen unendliche Fernen bestehen können,
kann ihnen ein wundervolles Nebeneinanderwohnen
erwachsen, wenn es ihnen gelingt, die Weite zwischen
sich zu lieben, die ihnen die Möglichkeit gibt, einander
immer in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel zu sehen.

R.M. Rilke


An der Studie erwachen
im Fall der Worte versinken
ahnungsvoll ein Lauschender werden.

G. G.-Kraemer


Helfer

Jeder,
der an deinen Weg gestellt,
sei er deinem Herzen
noch so fern,
ist ein Helfer,
hat an deiner Welt
teil und bildet mit
an deinem Kern.

Alle muss uns noch
das Schicksal binden
an vergessne Liebe
oder Schuld.
Eine Zeit,
bis wir den Ausgleich finden,
währt der Gottheit Güte
und Geduld …

Erika Beltle


Wer seines Lebens viele Widersinne

versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,

der drängt die Lärmenden aus dem Palast,

wird anders festlich, und du bist der Gast,

den er an sanften Abenden empfängt.

Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,

die ruhige Mitte seinen Monologen;

und jeder Kreis, um dich gezogen,

spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.

Rainer Maria Rilke, 22.9.1899

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